Wieso gehen alle in den Zivi?

Geschrieben von Joshua Devadas am 24.07.21

Dem Schweizer Militär fehlen oft wichtige Talente, die sich für den Zivildienst entscheiden. In diesem Beitrag sprechen wir über die verschiedenen Faktoren, die zu diesem Talentmangel führen.


In den Medien ist es stets wieder Thema: Das Militär will Zugriff auf mehr Talent - viele dieser Talente entscheiden sich jedoch Zivilschutz oder Zivildienst zu leisten. Wie kommt es soweit, dass statt Militärdienst, eine einst wichtige Station jeder Führungskraft, der Zivildienst vorgezogen wird?

Neue Führungsprinzipien

Wo einst Command-and-Control im Militär wie auch in der Privatwirtschaft eingesetzt wurden, sind jetzt neue Führungsmethoden im Einsatz. Zusammenarbeit und proaktive Kommunikation machen heute erfolgreiche Organisationen aus. Teile des Militärs stecken hier aber noch im Alten fest. Kollektivstrafen und Anbrüllen kommen in einigen Einheiten noch heute vor.
Der Zivildienst hingegen bietet vielen jungen Schweizern einen Gegensatz zu dem. Oftmals kann unabhängig und selbstständig gearbeitet werden, sei dies im Naturschutz oder aber in der Pflege.

Das Militär als Institution versucht sich diesen neuen Gegebenheiten anzupassen und Einheiten wie das MIKA führen ein aktives Change Management um neue Führungsansätze einzuführen. Für eine solch grosse Organisation ist es aber natürlich so, dass Veränderung länger dauert.

Unklare Doktrine

Die Aufträge vom Schweizer Militär sind klar formuliert als
  • Krieg verhindern und Frieden erhalten
  • Die Schweiz verteidigen und die Bevölkerung schützen
  • Frieden international fördern 
  • Wo nötig bei Katastrophen zivile Behörden unterstützen.

Auf Stufe des Soldaten ist diese Doktrine jedoch oft unklar. Als Infanterist ist die Hälfte der Ausbildung darauf ausgelegt, feindliche Massenattacken mit Seriefeuer abzuwehren (man stelle sich eine sowjetische Invasion vor), die zweite Hälfte konzentriert sich auf Low-Intensity Patrouille-Aufträge. In anderen Worten, Ausbildung und Zielsetzung sind nicht klar definiert und oft unrealistisch auf Stufe Soldat. Eine militärische Doktrine basiert auf einer klaren Vorstellung wie Krieg zu führen ist, wie Gegner klassifiziert werden und wie in welcher Situation vorzugehen ist.
Dies führt genau zur unklaren Struktur in der Ausbildung. Gekoppelt mit veraltetem Material, eingerosteten Prozessen und unmotivierten Ausbildner ist es kein Wunder, dass ein immer größerer Teil von Angehörigen der Armee sich für Zivildienst statt WK entscheiden.

Eine effektivere Doktrine, die von Kopf bis Fuss im Militär eingesetzt wird, würde eine Sinnvermittlung auf allen Stufen vereinfachen. 
  
Dort mit den Menschen arbeiten, wo sie sind.

Vor einer kurzen Zeit, hat mir ein Freund (Soldat in einer Spezialisteneinheit) folgende Geschichte erläutert:

Ich bin vor einigen Woche in den WK gegangen. Die erste Ansprache, die unser Leutnant mit uns hatte, verlief gänzlich schlecht. Er startete seine Anrede mit einer kurzen Zielklärung für die diversen Übungen und kommentierte am Ende “Eigentlich ist dieser WK nur für uns Offiziere und höhere Unteroffiziere - es geht darum, dass wir beübt werden”.

Entsprechend unmotiviert waren die Mitglieder dieses Zuges. Die verschiedenen Mitglieder dieser Einheit, Physiker, Chemiker, Wirtschaftsprüfer und Unternehmer brachten alle einzigartige Erfahrung und Expertise mit sich - und eine solche Aussage wäre in jedem privatwirtschaftlichen Kontext Zeichen dafür, dass laufende Projekt zu verlassen.

Es ist entsprechend verständlich, dass sich 30 jährige entscheiden, die restlichen Diensttage im Zivildienst zu leisten, wo solche Aussagen nie gemacht werden. Und wo entsprechende beschäftigt-aussehen-Übungen nicht gemacht werden.

Napoleon ist tot
Ein Relikt aus napoleonischen Zeiten besteht weiterhin; Die Zugschule. Es ist ein Marschmethode, bei denen ein Zug verschiedene Formationen einnimmt, verlässt und anpasst. Ursprünglich kam diese Tradition daraus, dass Einheiten im 18. Jahrhundert sich in enge Formationen fortbewegen um effektiver im Kampf zu sein.
Eine Armee, die auch in der Zukunft noch gewappnet sein will, muss bereit sein, veraltete Traditionen, wie nostalgisch sie auch sein mögen, abzulegen und sich auf neues einzulegen.
Die Zugschule ist ein Relikt der Tradition - und eine Abschaffung dieser ist ein wichtiger Schritt in eine Armee, die auch in Zukunft nicht all ihr Talent an den Zivildienst verliert.

Nach Untersuchung dieser Tatsachen wird auch klar, wie ein Ablauf von Talent geschehen kann. Die Faktoren sind zahlreich - will sich das Schweizer Militär als Institution jedoch erhalten, so muss es anfangen, Verbesserungen in der eigenen Organisation vorzunehmen.


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